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Wunder aus Trümmern

Die Hohe Straße – Wesels erste Einkaufsmeile

„Alles fand mitten in der Stadt statt“, so drückt es eine Zeitzeugin sehr treffend aus. Im Bewusstsein vieler Menschen ist die Hohe Straße eng verbunden mit Wesels erneutem Aufstieg zu der Einkaufsstadt am Niederrhein.

„Unten waren kleine Geschäfte und oben haben die Eigentümer gewohnt“ - Maria Martinelli über die Hohe Straße

Im Stadtzentrum konnte man nach den verheerenden Kriegsschäden bis 1949 nichts erwerben. Stattdessen gab es ab 1946 Geschäfte an der Brüner Landstraße, da viele Weseler in der unmittelbaren Nachkriegszeit in den Randgebieten lebten. Der Handel mit den Bedarfsgütern des täglichen Lebens fand überall dort statt, wo es ging, u.a. in Baracken oder auf improvisierten Verkaufstresen.

Ab 1949 begann der Wiederaufbau der Geschäfte in der Innenstadt. Aufgrund des Umlegungsverfahren ging es vor allem auf der rechten Straßenseite schnell voran. Schon Mitte der 1950er Jahre war Wesel wieder das Einkaufszentrum des Niederrheins. Attraktive Bekleidungsgeschäfte wie Möllenhoff und Magis oder das 1954 eröffnete Hansa-Kaufhaus boten reichhaltige Möglichkeiten für einen Stadtbummel.

Aber es waren gerade die kleinen Geschäfte, die den besonderen Charme der Hohen Straße ausmachten, wie das Fotogeschäft von Karl Unverdroß, die Metzgerei von Gallus Falk, das Lebensmittelgeschäft von Georg Schätzlein oder das Eiscafé der Familie Martinelli.

Die Hohe Straße war aber nicht nur Einkaufszentrum, sondern gerade in den ersten Jahren – vor der Schaffung der Fußgängerzone – auch der Lebensmittelpunkt der Geschäftsleute. Eine Zeitzeugin erinnert sich besonders an diese Zeit: „Für mich war die beste Zeit die erste Zeit. Unten waren kleine Geschäfte und oben drüber haben die Eigentümer gewohnt. Und auch abends war immer sehr viel zu tun.“

Ebenso zogen die Schützen bei ihrem jährlichen Umzug durch die Hohe Straße und die Sportbegeisterten präsentierten beim jährlichen Fest der Weseler Vereine hier ihre Disziplinen. Bis 1966 war zudem die Kleinbahn selbstverständlicher Teil des Straßenbildes.

Berliner-Tor-Platz mit dem Anfang der Hohen Straße
Hinter dem Hansa-Kaufhaus steht noch das Reuther-Spirituosen-Geschäft. Bundespost und Finanzamt sind bereits fertiggestellt.
Mitte der 1950er Jahre
Hohe Straße 2a
Hansa-Kaufhaus, auch als Reuther-Kaufhaus bekannt; mit Weihnachtsbeleuchtung, Heute rechts: Rossmann/ links: C&A
November 1955, Foto Oppenberg
Hohe Straße 4 und 6
4 Luttermann, Sanitätshaus, Heute: Luttermann, 6 Möllenbeck, Farben und Tapeten/heute: Sportpalast
1952, Foto Hilde Löhr
8 Allianzversicherung
Heute: tredy, Bekleidung, 10 rechts Schätzlein, 10 links Hörnchen, Nähmaschinen, Heute: Barrique/Cevapcici
Juli 1952, Foto Oppenberg
Union-Eck, Heute: Weselaner Eck by Kalle, Blick vom Blauen Hahn in die Straße Heuberg.
1955
Blick in den Heuberg / Hohe Straße 14 bis 24
14 Tenhaeff, Betten
16 Baulücke (Tattoo)
18 Köller, Schuhe (Unterwegs)
20 Kunze, Sonnen-Drogerie
22 Siebers, Lotto (Mayersche)
24 Apollo-Kino (Apollo-Passage)
1950, Foto Hilde Löhr
Oben, Hohe Straße 16 und 18
16 Bruns, Plissierarbeiten (Tattoo)
18 Köller, Schuhe (Unterwegs – Outdoor)
1955
Hohe Straße 14 bis 28
14 Tenhaeff, Betten
16 Bruns, Plissierarbeiten (Tattoo)
18 Köller, Schuhe (Unterwegs - Outdoor)
20/ Kunze, Sonnen-Drogerie
22 Siebers, Lotto (Mayersche)
24 Apollo-Kino (Apollo-Passage)
26 Röpling, Bäckerei (Vodafone)
28 Abbing, Damenhüte (Ehlert, Foto)
1952
Hohe Straße 22 bis 40
22 Siebers, Lotto (Mayersche)
24 Apollo-Kino (Apollo-Passage)
26 Röpling, Bäckerei (Vodafone)
28 Abbing, Damenhüte (Ehlert)
30 Uebing, Metzgerei (Euroshop)
32 Frank, Spiel- und Lederwaren (Michelbrink, Papeterie)
34 Niedermeier, Spiel- und Haushaltswaren (Smile-Optic)
36 rechts Mühlensiepen, Tabak
36 links Kosthorst, Blumen (Lana-Grossa, Wolle)
38 Fain-Binda, Eisdiele (Coronel, Friseur)
40 Zum Gambrinus, Gaststätte (KIND-Hörgeräte)
1952
Blick in die Hohe Straße, Geschäftiges Treiben auf der Hauptgeschäftsstraße Wesels. Linke Straßenseite das Werbeschild des Optikers Axt (Hohe Straße 15), rechts noch die Flachbauten von Frank, Niedermeier, Fain-Binda, Gambrinus und des Obst- und Gemüseverkaufs.
Mitte der 1950er Jahre
Hohe Straße 30
Uebing, Metzgerei
Heute: Euroshop
um 1950
Blick in die Hohe Straße vom Rathaus Richtung Berliner Tor. Einträchtiges Miteinander von Kleinbahn, Omnibus, Autos, Fahrräder und Fußgänger auf der Hohen Straße. Linke und rechte Straßenseite sind bebaut.
Anfang der 1960er Jahre
Hohe Straße 40, 42 und 50 (Hausnummer 44 bis 48 sind nicht vergeben)
Deutlich erkennt man neben der Gaststätte Gambrinus (40) den Obst- und Gemüsestand. In voller Pracht steht schon das Modehaus Möllenhoff während auf der linken Seite die ersten Gebäude aus gepickten Steinen entstehen (41 Gallus Falk, Metzger/heute Eiscafé Teatro).
März 1951
Hohe Straße 42, 50 und 52
42 Aus dem Gemüsestand ist ein festes Gebäude geworden: Knusperli (O2-Shop)
50 Möllenhoff mit neuer Glas- fassade (Pafümerie Pieper)
52 Hollstegge / Tchibo (Hunkemöller)
Mitte der 1960er Jahre
Hohe Straße Blick Richtung Viehtor. Neben Möllenhof befindet sich noch Moltrasy (Haus-Nr. 52/Hunkemöller) und Wilhelm Meinhard mit dem Hüte- und Schirmegeschäft (Haus-Nr. 54/Vera Moda).
Ende 1952
Hohe Straße vom Ende Richtung Möllenhoff (50-76). Links das Möbelhaus Kerkhoff (76/ONLY Bekleidung), daneben das Bekleidungshaus Bentrup und Luyken (74/Bonita).
Hohe Straße 56
Otto Mess, Lebensmittel (heute Telekom). Jeder kannte den Werbespruch „Otto Mess mit zwei ‚S‘, mit zwei ‚O‘, macht uns froh.“
Anfang der 1950er Jahre, Foto Schönwälder
Hohe Straße 58
Dismer, Schuhgeschäft. Heute befindet sich dort mit der Hohen Straße 60 zusammen das Dekorationsgeschäft Depot.
Anfang der 1950er Jahre, Foto Schönwälder
Blick vom Rathausturm in die Hohe Straße (50–66)
Hohe Straße 60
Buschmann, Elektrowaren (heute Depot)
Elektromeister Karl Buschmann baute Hohe Straße 58 und 60. Bevor Depot dort eine Filiale eröffnete, befand sich dort ein DM-Markt.
Anfang der 1950er Jahre, Foto Schönwälder
Hohe Straße 62
Halcour, Schneidermeister, Heinz Halcour (heute Douglas Parfümerie)
Anfang der 1950er Jahre, Foto Schönwälder
Hohe Straße 62 bis 66
62 Halcour, Schneiderei (Douglas)
64 West, Wilhelm Spirituosen (Rosen-Apotheke)
66 Rats-Café und Bäckerei Tenholder (Falken-Apotheke)
Foto in den 1950er Jahre beim Bauamt wegen Genehmigung der Außenwerbung eingereicht.
Hohe Straße 68 bis 76
68 Tengelmann, Lebensmittel (Memos Döner)
Blick von der Windstege über den Rathausvorplatz auf die Hohe Straße.
Anfang der 1950er Jahre, Foto Oppenberg
Hohe Straße 70
Buttenberg, Hüte, Mützen, Pelze und Kürschnerei (heute Esprit, Bekleidung)
Anfang der 1950er Jahre, Foto Oppenberg
Hohe Straße 70 bis 74
70 Buttenberg, Hüte (Esprit)
72 Grabietz und Dambeck
74 Bentrup & Luyken, Stoffe und Textilien (Bonita Bekleidung)
Anfang der 1950er Jahre, Foto Oppenberg
Hohe Straße 72
rechts Grabietz, Kunstgewerbe/links Dambeck, Buchhandlung Heute: Pommes & Friends/S. Oliver, Bekleidung 1952
Anfang der 1950er Jahre, Foto Oppenberg
Hohe Straße 66 bis 72
Auf den Bus Wartende suchen Schatten unter der Markise der Buchhandlung Dambeck. Einige Fahnen künden schon das Schützenfest an.
August 1959
Hohe Straße
Reger Verkehr auf der Haupteinkaufsstraße. Beidseitig ist die Bebauung abgeschlossen. Rechts zur Windstege hin das Delikatessengeschäft Splitthoff (55/heute Bijou-Brigitte, Modeschmuck)

Berliner Tor

Das Mathena-Rathaus (1952–1971) - Die politische Schaltzentrale Wesels

Städtische Rathäuser gibt es in Wesel seit etwa 1390. Im Mittelalter waren es prächtige Bauwerke, die vom Selbstverständnis der Bürger zeugten.

Den Entwurf für das Mathena-Rathaus lieferte der Architekt Fritz G. Winter (1910–1986), damals erst seit wenigen Jahren neuer Direktor der Werkkunstschule Krefeld. Zwischen 1952 und 1958 entstand ein für die damaligen Verhältnisse sehr moderner und ambitionierter Beton-Rasterbau.

Im Volksmund hieß das Gebäude allerdings schnell „Zeche Ewald“ – nicht nur, weil der damalige Bürgermeister Ewald Fournell diesen Vornamen trug, sondern auch, weil viele sich an die aus dem Ruhrgebiet bekannten Zechenbauten erinnert fühlten. Dabei lag das Vorbild in Italien, wo ein „Campanile“ fast zwingend zu den bekanntesten Rathausbauten der Renaissance gehörte.

Mit der Beauftragung von Winter war der Stadtverwaltung ein Coup gelungen. Unter seiner Leitung wurde die Werkkunstschule Krefeld zu einer der Designschmieden der Nachkriegszeit im Westen. Es überrascht daher nicht, dass auch die Innenausbauten des Weseler Rathauses vom vergleichsweise hohen Design-Anspruch der gestalterischen Leitung von Professor Winter zeugt.

Schnell hieß das Rathaus nach Dr. Reuber auch scherzhaft „Räuber-Höhle“, da der Stadtdirektor dort oft bis in die Abendstunden tagen ließ.

1971 wurde das Rathaus nach lebhaften Debatten und gegen den Willen Reubers zu Gunsten eines Kaufhausneubaues abgerissen.

Schützenfest

„Das Schützenfest war das Fest schlechthin“

Jeanette Konlechner

Unternehmen

Eine traditionsreiche Fotografen-Familie - Foto Unverdross in der Hohen Straße

Der Name Unverdross ist schon seit den 1830er Jahren in Wesel – vor allem im militärischen Umfeld – überliefert und wohl bekannt.

Friedrich Unverdross kam wohl um 1880 zur Aufnahme einer Ausbildung im Fotoatelier J. Ebner nach Wesel, ging aber bald darauf zur Ableistung seines Militärdienstes nach Berlin. Ab Ende des 19. Jahrhunderts muss er aber zusammen mit Carl August Unverdross als Fotograf selbständig tätig gewesen sein. Ab 1894 ist ein Geschäft in der Hohen Straße nachweisbar, das sich ganz offensichtlich auf Porträtaufnahmen von Militärpersonen spezialisiert hat.

Eduard Unverdross führte die Familientradition fort und führte ab den 1920er Jahren am Großen Markt ein angesehenes Fotogeschäft.

Auch in den Jahren des Wirtschaftswunders waren Eduard und bald auch Karl Unverdross (geb. 1924 in Wesel) – ein Schüler der Münchener Fotoschule – wieder als Fotografen aktiv, sodass sich viele Weseler lebhaft daran erinnern, ihre Familienfotos wie selbstverständlich bei Unverdross gemacht zu haben.

Das Geschäft in der Hohen Straße blieb bis in den 1980er Jahre ein beliebter Anlaufpunkt für Fotointeressierte. 2017 verstarb Karl Unverdross.

In den unteren beiden Vitrinen sehen Sie einige Gegenstände aus dem umfangreichen Nachlass der Fotoateliers Unverdross, die dem Stadtarchiv dankenswerterweise jüngst übergeben wurden.

Martinelli

Maria Martinelli: „Mein Mann ist 1960 nach Wesel gekommen. Er hatte vorher drei Jahre gearbeitet und gelernt, zunächst in Stuttgart. Dann ist er hierhergekommen mit einem Kompagnon. Aber der Kompagnon ist nicht hiergeblieben, weil das Geschäft sehr schlecht gelaufen ist. Die Kosten waren zu hoch, er ist abgehauen und hat meinen Mann ganz alleine gelassen. Aber erwar so stark und er wollte unbedingt weitermachen. Und er hat es alleine geschafft! Auch mit ein bisschen Hilfe von dem Eigentümer des Hauses, der hat ihm Zeit gelassen, die Miete zu bezahlen. Und so hat er es langsam geschafft."

Eiscafé Venezia, Auszüge aus der Firmen- und Familiengeschichte (PDF-Datei, 2 MB)

Einsturz des Hansa-Kaufhauses

Der schwarze Tag des Wiederaufbaus

Das Hansa-Kaufhaus wurde 1953/1954 an der Ecke Hohe Straße/Berliner-Tor-Platz errichtet.

Am 26. Februar 1954 ereignete sich während der Bauarbeiten ein folgenschweres Unglück. Mit lautem, weithin hörbarem Krachen stürzten die Giebelwand an der Hohen Straße sowie teilweise die Decken des ersten und zweiten Geschosses ein und begruben zahlreiche Handwerker unter sich.

Einige Leicht- sowie fünf Schwerverletzte konnten nach kurzer Zeit geborgen werden und wurden ins Marienhospital gebracht. Dort starben noch am Nachmittag zwei der Schwerverletzten. Zwei noch vermisste Handwerker konnten später nur noch tot aus den Trümmern geborgen werden.

Das unfassbare Ereignis berührte die Menschen in Wesel. Für die sogenannten Wiederaufbauopfer flaggte die Stadt zur Beisetzung Halbmast und bat auch um Zurückhaltung für den anstehenden Karneval.

Über die Ursache des Unglücks wurde heftig spekuliert. Untersuchungen von Fachleuten förderten einige Baumängel zutage, z.B. Beton von minderer Qualität und nicht sorgfältig geführte Baupläne.

Das Hansa-Kaufhaus wurde trotzdem schon am 18. September 1954 eröffnet. An das Kaufhaus wie auch an das Unglück erinnert im heutigen Stadtbild nichts mehr. Es schloss am 31. März 2001 seine Pforten, wurde 2006 abgebrochen und durch ein modernes Geschäftshaus ersetzt.