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Wunder aus Trümmern

Die Grundlagen der Industrieanwerbung (1950-1960)

„Die Arbeitszeit betrug für alle 48 Stunden in der Woche“

Palm Heise

„Wesel ist nicht tot – Wesel lebt“

Karl-Heinz Reuber

„Wir bekamen im ersten Lehrjahr 25 Mark im Monat für 48 Stunden Arbeit in der Woche“

Günter Bornemann

Den Stadtvätern und -müttern in Wesel war schon unmittelbar nach Kriegsende klar, dass eine Anwerbung von Industriebetrieben der einzige Weg sein würde, um die Stadt zu neuer Blüte zu führen.

Die ersten Versuche industrieller Aufbauarbeit waren aber noch Stückwerk, was die Anwerbung eines Drahtpolsterwerks zeigt. Der Firmenchef aus dem Ruhrgebiet hatte zufällig bei einem Metzger in Büderich von freien Industrieflächen in Wesel erfahren.

Die Wende brachte der Amtsantritt des Stadtdirektors Dr. Karl-Heinz Reuber im April 1950. Er erkannte schnell, dass eine zergliederte, nacheinander ablaufende und risikoarme Bearbeitung von Teilaufgaben keine erfolgversprechende Lösung sein konnte. Nur ein „mit Macht und mit Tempo“ vorangetriebener Wiederaufbau „auf allen Gebieten gleichzeitig“ könne die Lösung sein, so Reuber.

Als Grundlage gab die Stadt Wesel eine fundierte Expertise in Auftrag. Professor Alfons Schmitt von der Universität Münster legte diese zum Jahresende 1951 vor und fasste die Ausgangslage anschaulich zusammen: „Wesel ist gezwungen, sich unter dem Druck der Verhältnisse eine neue Wirtschaftsstruktur zu geben.“

Schmitt betonte, dass die einzige Lösung eine aktiv fördernde Wirtschaftspolitik sein müsse, um die günstige geografische Lage Wesels an Rhein und Lippe bestmöglich auszunutzen.

So kam es in den ersten Jahren von Reubers Dienstzeit zur Ansiedlung einiger durchaus erfolgreicher Betriebe, z.B. die Maple Leaf Chewing Gum GmbH (1951), die Wesa-Apparatebau GmbH (1952) oder die Brillenfabrik Weinert.

Nachdem wieder mehr Wohnraum zur Verfügung stand, das Niveau der Infrastruktur den Vorkriegszustand überschritt und auch die ersten industriellen Ansiedlungsprojekte erfolgreich verliefen, begann Mitte der 1950er Jahre die Hochphase der Weseler Industrieansiedlung. Kennzeichnend dabei war, dass es eben nicht einen großen Monopolisten gab, sondern ein breitgefächertes Portfolio industrieller Betriebe. Somit erwies sich die wirtschaftliche Grundlage der Stadt Wesel gegenüber konjunkturellen Schwankungen als recht stabil.

Die größten Ansiedlungserfolge neben den Siemens-Schuckert-Werken (1956) waren die Deutschen Libbey-Owens-Gesellschaft für maschinelle Glasherstellung (Delog, 1955), die Philips Apparatefabrik (1960) und die noch heute aktive Byk-Chemie (1962).

Eine weitere Erfolgsgeschichte der Aufbaujahre war der Weseler Hafen. Pläne zum Bau eines Industriehafens im Mündungsgebiet der Lippe zwischen Wesel und Emmelsum gab es bereits seit 1906. Unter der Regie von Reuber – der den Hafen basierend auf Schmitts Gutachten als Kernbaustein der Industrialisierung Wesels ansah – fanden sich dazu ab 1952 die Stadt Wesel, die Landkreise Rees und Dinslaken und die Gemeinde Voerde zu einer Hafen-Arbeitsgemeinschaft zusammen. Die Gelsenberg Benzin AG (1957) eröffnete hier einen der ersten Ölumschlaghäfen der Bundesrepublik.

Der Erfolg gab der Stadt Wesel und ihrem mutigen Kurs recht, was einige Zahlen sehr deutlich unterstreichen. So stieg das Gewerbesteueraufkommen von 1950 bis 1960 um mehr als das Zehnfache auf 4,5 Millionen Mark an. Geht man von Betrieben mit mehr als zehn Beschäftigten aus, dann gab es 1963 zusammen 36 Industriebetriebe mit insgesamt 5.100 Beschäftigten, die einen Jahresumsatz von 175 Millionen Mark erwirtschafteten. Davon waren in den Jahren des Wirtschaftswunders 18 Betriebe mit insgesamt 3.000 Beschäftigten und einem gemeinsamen Jahresumsatz von 110 Millionen Mark neu angesiedelt worden.

Firmen

Name auf der Karte Branche Ansiedlung /Gründung
in Wesel
Mitarbeiter (Stand)
H. Bergemann Wärmetechnik und Maschinenbau 1952 56 (1955)
Gebr. Berkenkamp Buchdruckerei 1865 22 (1955)
BP Ölumschlaghafen 1958  
Byk Gulden Chemische Fabrik 1960  
Delog maschinelle Glasherstellung 1955 820 (1961)
Eisenwerk Wesel Eisenwerk 1951 108 (1961)
O. Enders Lederhandschuhfabrik 1951  
Gelsenberg Ölumschlaghafen 1957  
A. Görtz Lampenschirmfabrik 1953  
Gebr. Haukes Tiefbauunternehmen und Transport 1958  
Fr. Hermann Farbengroßhandlung 1959  
J. Hessling Pinsel- und Bürstenfabrik 1867  
Gebr. Hübers Kraftfutterwerk 1956  
Hülskens & Co. Kies- und Sandbaggerei 1903 580 (1961)
G. Hüting Holzhandlung und Sägewerk    
K. Jebbink Vertrieb von Bosch-Erzeugnissen 1957  
J. Kampen Walzenmühle 1869 34 (1955)
Keramag Keramische Werke AG 1902 700 (1961)
König & Co. Kunststoffwerk 1958  
F. Kreuz Sackgroßhandlung 1935  
Landers & Söhne Abbruchunternehmung 1945  
C. Lisner & Söhne Fischkonservenfabrik 1765 110 (1961)
Maple-Leaf Kaugummiherstellung 1951 42 (1952)
Mawag Mineralöl- und Asphalt-Handelsgesellschaft 1959  
H. Nelskamp (gegründet als J. Dieter & Söhne) Handschuhlederfabrik 1950 72 (1955)
Niederrheinische Stahlbaugesellschaft Stahlbau 1949 115 (1961)
E. Nissel Lederbekleidungsfabrik 1951 17 (1954)
H. Peitsch Druckerei 1934 1 (1955)
Philips Apparatefabrik Tuner für Fernsehgeräte 1960  
R. Putzmann Schweißereibetrieb 1952 250 (1961)
T. Raaf Bauunternehmung 1947  
W. Reichmann & Schmitz Greiferbau    
Rheinkies-Baggerei Baggerei 1950 212 (1961)
Fa. Rhenania Spedition    
B. Ridder Spedition 1842  
RWE Betriebsverwaltung 1908 687 (1961)
W. Schild Bauunternehmung    
Schleß-Werft Werft 1892  
Gebr. Schmitz Maschinenfabrik 1832 113 (1961)
W. Schweer Söhne Holzgroßhandlung, Import, Hobelwerk 1951 32 (1955)
Siemens AG Turbinenwerk 1958 392 (1961)
Stams & Co. Getränkehandel 1836 21 (1955)
C. Termier Bauunternehmung 1883 270 (1961)
F. C. Trapp Bauunternehmung 1872 510 (1961)
J. Vogt Bauunternehmung 1867 117 (1961)
Weinert Brillenfabrik Brillenfabrik 1953 18 (1955)
C. Welsch Mineralmahlwerk, Farben-Großhandlung 1754 13 (1951)
WESA-Apparatebaugesellschaft Apparatebau 1952 113 (1961)
Weseler Betonwerk Betonwerk    
Weseler Maschinenbaugesellschaft (Wesmag) Maschinenbau 1901 140 (1961)
Weseler Speditions- und Umschlaggesellschaft (Weber & Schürmann) Spedition 1951  
Weseler Teppichgesellschaft (tretford) Teppichherstellung 1961  
Wunsch Damenblusenfabrik 1954 53 (1961)
H. Ziegler Bauunternehmung 1867 157 (1961)
C. H. Zikesch Maschinen- und Apparatebau 1953 170 (1961)
A. H. Ziller Stahlbau 1951 235 (1961)

Global gefragte Lackadditive aus Wesel - Byk-Chemie GmbH

1959 entschied sich die in Konstanz ansässige Chemiefabrik Byk, eine Zweigstelle am Rhein zu eröffnen, um Rohstoffe aus Skandinavien schneller verarbeiten und die hergestellten Lackadditive im Ruhrgebiet besser vertreiben zu können.

Im April 1960 konnten durch maßgebliche Vermittlung von Stadtdirektor Dr. Reuber die Verträge unterzeichnet und schließlich 1962 das Werk an der Abelstraße eröffnet werden.

Hier hat die Byk-Chemie GmbH noch heute ihren Sitz.

Flachglas-Produktion auf dem Enka-Gelände - Deutsche Libbey-Owens-Gesellschaft für maschinelle Glasherstellung (Delog)

1955 trat die Deutsche Libbey-Owens-Gesellschaft für maschinelle Glasherstellung AG aus Gelsenkirchen an die Stadt Wesel heran mit der Bitte um ein großes Industriegelände.

Die Delog galt bei Stadtdirektor Dr. Reuber sofort als Projekt von allergrößter Tragweite, das eine „befruchtende Wirkung“ weit über die Stadtgrenzen hinaus haben werde.

Als bis dahin größte Aktion der Weseler Wirtschaftsförderung ist die Delog auch ein seltenes Beispiel für eine überaus schnelle Ansiedlung. Zogen sich die Gespräche meist über viele Jahre hin, lagen hier zwischen Verhandlungsbeginn im Frühjahr 1955 und der Aufnahme der Produktion im April 1957 – trotz der notwendigen Umsiedlung des Traditionsunternehmens Landers – nur gut zwei Jahre.

Zum Jahresende 1957 beschäftigte die Delog schon 514 Mitarbeiter. In der Spitze waren über zweitausend Beschäftigte tätig, die bis Mitte der 1970er Jahre in Wesel Glas produzierten.

Unter neuer Trägerschaft werden am alten Standort bis heute Fahrzeug-Glasscheiben veredelt.

Der mächtige Schornstein der Delog war bis 2016 eines der markantesten Symbole des „Wunders aus Trümmern“.

Gewinnung und Aufbereitung oberflächennaher mineralischer Werkstoffe - Gerhard Hülskens & Co

Der Wiederaufbau der Stadt Wesel ging einher mit einem extrem gestiegenen Bedarf an Baumaterialien wie Sand und Kies. Die Stadt hat von Anfang an darauf geachtet, dass die Weseler Betriebe vom massiven Wiederaufbauprogramm profitieren konnten.

Die Kiesbaggerei wurde traditionell von Gerhard Hülskens & Co bestimmt, die 1903 gegründet wurde und bald zum größten Betrieb dieser Art in der Region aufstieg. Neben der Kiesgewinnung aus dem Rhein stand auch das Ausbaggern von Kanälen und Flüssen auf der Angebotspalette.

Hülskens sollte auch nach dem Zweiten Weltkrieg schnell seine alte Bedeutung wiedererlangen und hatte Ende 1950 schon wieder 413 Mitarbeiter und Ende 1955 sogar 538. 1954 stellte man den bis dahin größten Kieselevator auf dem Rhein in Dienst.

Im Rahmen des Wiederaufbaus war Hülskens in einer Betriebsgemeinschaft mit Trapp auch für den Bau der Hafenanlagen für BP verantwortlich. Den Hafenbetrieb in Wesel beherrschte Hülskens fast im Alleingang, da Kies und Sand 1951 bemerkenswerte 98 Prozent des gesamten Umschlags ausmachten.

Die Firma Hülskens ist bis heute in Wesel ansässig und vor allem für die 1963 begonnene Auskiesung der Weseler Aue bekannt.

Philips

Eine Traditionsbrauerei wird modernisiert - Wwe. J. Stams & Söhne / Standard-Getränke

Die Geschichte der ehemaligen Brauerei (gegründet 1836) steht für einen Weseler Familienbetrieb, der sich der neuen Zeit anpasste.

Nach der Zerstörung des bisherigen Firmengeländes der Brauereifirma Wwe. J. Stams & Söhne 1945 war ein Neuanfang nötig. Inhaber Karl Stams hatte sich schon vor 1945 für Coca-Cola interessiert. Das 1886 in Atlanta/USA erfundene Getränk war bei amerikanischen Soldaten sehr beliebt und so auch in Deutschland bekannter geworden. 1949 bewarb er sich in Essen um eine Konzession. Schon am 5. November 1950 verließ der erste Wagen mit Coca-Cola-Beschriftung den Hof und verkaufte an diesem Tag fünf Kisten á 24 Flaschen.

Weitere Firmendaten:

Hoch- und Tiefbau in Wesel und der Welt - F. C. Trapp Bauunternehmung

Vor 1900 bildeten sich viele spezialisierte Baufirmen in Wesel, die beim Rheinbrückenbau und bei der Entfestigung mitwirkten.

Ihre Gründung ging einher mit der Notwendigkeit, stets innovative Maschinen anzuschaffen, die das langfristige Überleben auch in Krisenzeiten sicherten. Das 1872 gegründete Unternehmen von Friedrich Carl Trapp galt beispielsweise bald als Spezialfirma für Bauten auf schwierigem Untergrund.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Trapp eine von vier Firmen, die im März 1946 vom Rat der Stadt Wesel mit der Enttrümmerung der zerstörten Stadt beauftragt wurde. 1955 beschäftigte das Unternehmen bereits wieder 330 Mitarbeiter. Der Geschäftsbetrieb wurde dabei laufend an die aktuell anfallenden Aufgaben des Wiederaufbaus angepasst.

Der Enkel des Firmengründers, Dr. Ing. Ernst Trapp (1903–1989) baute die Firma nach 1950 zum internationalen Baukonzern aus. Als Logo wurde eine stilisierte Autobahn mit Brücke gewählt. Viele Bauaufträge führten „die Trapper“ auch in den Nahen Osten. Aber auch in der Heimat blieb die Firma präsent: So sind bekannte Weseler Gebäude wie das Bühnenhaus ebenso mit dem Namen Trapp verbunden wie zahlreiche Straßenverbindungen.

Nach 1998 spaltete sich der Betrieb auf. Einige Trapp-Firmen sind aber bis heute von Wesel aus tätig.

Brillengestelle aus Wesel für Europa - Brillenfabrik Weinert

Ein typisches Beispiel für die Ansiedlung eines mittelständischen Betriebes in Wesel ist die Brillenfabrik der Brüder Josef und Fritz Weinert.

Die Geschwister stammten ursprünglich aus Rumburg im Sudetenland und gerieten nach dem Zweiten Weltkrieg in Kriegsgefangenschaft. Nach ihrer Entlassung stellten sie erst in Trittau bei Hamburg und dann in Pelzerhaken in Holstein ihre ersten Brillengestelle selbständig her.

Da das ländliche Gebiet ihnen keine guten Absatzmärkte bieten konnte, zogen die beiden nach Wesel weiter, wo ihnen günstig ein Grundstück angeboten worden war. Am Nordglacis entstanden ab 1953 mit von Josef Weinert selbst hergestellten Maschinen aus Kunststoffplatten die ersten Brillengestelle.

Der Familienbetrieb entwickelte sich schnell, hatte Anfang 1956 schon zwanzig zumeist weibliche Angestellte und produzierte für nahezu den gesamten europäischen Markt jährlich über 50.000 Brillengestelle.

Eine Gasexplosion im Dezember 1958 durchkreuzte alle Expansionspläne. Josef Weinert erlag seinen schweren Verbrennungen. Die Produktion ging in kleinem Rahmen weiter und erst im Oktober 1972 schloss die Firma Weinert ihre Werkshalle endgültig.

Das älteste Industrieunternehmen Wesels - Weseler Maschinenbaugesellschaft (Wesmag)

Die traditionsreiche Eisengießerei und Maschinenfabrik WESMAG an der Brüner Landstraße 45 nahm schon im November 1947 ihren Betrieb wieder auf. Bald war der Betrieb erneut der im In- und Ausland gefragte Produzent von Graugussstücken, der er vor dem Zweiten Weltkrieg schon gewesen war.

1955 beschäftigte das Unternehmen dank der Gewährung von Grenzlandkrediten wieder 148 Mitarbeiter. 1961 übernahm eine Bocholter Firma den Betrieb, aber schon seit Ende der 1960er Jahre brach die Produktion zunehmend ein, sodass die WESMAG 1979 in Wesel endgültig ihre Pforten schließen musste.

Vorgeschichte:

Neuanfang in den Wirtschaftswunderjahren - Wie Wesel ein Schlaraffenland bekam.

Heute erinnert nur noch ein kleines Fenster neben dem Durchgang Goldstraße 3/5 an das Weseler „Schlaraffenland“. Theobald Bölting war 1945 als Deutscher mitsamt seiner 12-köpfigen Familie ausgewiesen worden. In den Niederlanden ein erfolgreicher Metzger, der eine stolze Holländerin geheiratet hatte, musste der gebürtige Weseler nun völlig neu anfangen. Gemeinsam mit der Familie – alle älteren Kinder halfen mit – enttrümmerten sie das geerbte Grundstück und bauten dann Goldstraße 3 mit selbst gereinigten Steinen wieder auf. Stolz und glücklich präsentierte man sich auf dem rückwärtigen Balkon des Hauses. In einem flachen Anbau darunter befand sich die Wurstküche der neuen Metzgerei. Aber die große Besonderheit war ein Automatenbetrieb in einer Nische der Westseite, von ihm „Schlaraffenland“ genannt. Hier konnten gegen Geld warme und kalte Speisen gezogen werden. Die Idee hatte Theobald Bölting bereits in den Niederlanden erfolgreich umgesetzt. Auch in Wesel kam sie gut an. Nach Kauf und Bau des Nachbargebäudes ließ er seinen Automatenbetrieb dorthin umziehen. Später ergänzte ein kleines Kioskfenster die Automaten.

Bau des Wohn- und Geschäftshauses Bölting, Fotos Hermine Hochstrat, geb. Bölting
Metzgerei Bölting mit dem Schlaraffenland, Fotos Hermine Hochstrat, geb. Bölting
Metzgerei mit Selbstbedienungsfächern in der Goldstraße, Fotos Hermine Hochstrat, geb. Bölting
Metzgerei mit Selbstbedienungsfächern in der Goldstraße, Fotos Hermine Hochstrat, geb. Bölting

Zeitzeugin Hermine Hochstrat, geb. Bölting, bewahrte viele Fotos dazu in einem kleinen Fotoalbum. Hier als Leihgabe für unsere Ausstellung

Stadtdirektor Dr. Karl-Heinz Reuber - Auch privat immer im Dienst

Obwohl der Name des Stadtdirektors Karl-Heinz Reuber bis heute in Wesel allgegenwärtig ist, viele Anekdoten über ihn kursieren und manch einer sich lebhaft erinnert, ist über sein Privatleben und seine individuelle Persönlichkeit wenig bekannt.

Familiär fand der damalige Stadtkämmerer von Papenburg sein Glück im Emsland. 1936 heiratete er dort Heinrike Austermann, mit der er vier Kinder – geboren zwischen 1937 und 1950 – hatte.

Nach seiner im April 1950 erfolgten Ernennung zum Stadtdirektor in Wesel zog Reuber kurzfristig und allein von Papenburg in seine neue Heimat um. Hier fand er zunächst Quartier in einer kleinen Wohnung in der Hohen Straße. Im Mai 1950 kam in Papenburg schließlich das vierte Kind der Eheleute Reuber zur Welt. So konnte die Familie im Oktober 1950 in Wesel ihre Wiedervereinigung feiern und bald danach eine städtische Dienstwohnung am Herzogenring beziehen.

Viele Zeitzeugen berichten, wie Dr. Reuber nach Feierabend seine Mitarbeiter zu weiteren Besprechungen im Hotel Kaiserhof geradezu nötigte. Auch seine Ehefrau beklagte sich innerhalb der Familie, dass ihr Ehemann nicht mit ihr, sondern mit der Stadt Wesel verheiratet sei. Freizeit kannte der Stadtdirektor nicht und wenn er abends ausnahmsweise nicht auch zu Hause noch am Schreibtisch saß, dann fand er Entspannung beim ausdauernden Legen von Patiencen oder beim geduldigen Basteln von Fotoalben mit Motiven seiner Stadt.

Seinen Ruhestand ab Anfang Januar 1971 verlebte Reuber endlich auch als aktives Oberhaupt seiner Familie im neuen Haus am Westglacis.

Der berufliche Erfolg des Stadtdirektors beruhte neben einem ungeheuren Arbeitspensum auch auf engen Freundschaften wie zum Weseler Bundestagsabgeordneten Franz Etzel. Er wurde bald zum gefürchteten „Räuber“, der es meisterhaft verstand, alle verfügbaren Geldtöpfe für seine Weseler Heimat zu vereinnahmen.

Seine eigene Wahrnehmung beschreibt ihn wohl ganz gut: „Ich war kein bequemer Mann“.

Theorie des Wiederaufbaus - Das Gutachten von Professor Alfons Schmitt

Professor Alfons Schmitt

Stadtdirektor Dr. Karl-Heinz Reuber erkannte bald nach seinem Amtsantritt im April 1950, dass eine risikoarme Bearbeitung von Teilaufgaben der Wirtschaftsförderung nicht die Lösung der wirtschaftlichen Probleme der Stadt Wesel sein konnte. Er regte daher eine fundierte Expertise einer unabhängigen Instanz an. Das Ergebnis war das Gutachten über die „wirtschaftlichen Grundlagen des Rhein-Lippe-Gebietes um Wesel“. Verantwortlich für das Grundsatzpapier war Professor Alfons Schmitt von der Universität Münster.

Die Studie von Schmitt beginnt gleich mit einem Kernsatz: „Wesel ist gezwungen, sich unter dem Druck der Verhältnisse eine neue Wirtschaftsstruktur zu geben.“ Dazu könne man aber nicht die Entwicklung nur „laufenlassen“, sondern müsse „aktiv fördernd“ eingreifen, um die „natürlichen Gegebenheiten zu aktivieren“.

Der Grundtenor des Gutachtens war also die Forderung nach einer aktiven Wirtschaftsförderungspolitik. Dazu dachte Schmitt vor allem an eine erhebliche industrielle Ausweitung. Reuber war sich aber bewusst, dass die so skizzierte Industrieanwerbung einhergehen musste mit Förderungsmaßnahmen im Bereich der Infrastruktur, des Wohnungsbaus und der Kulturarbeit.

Der Dienstantritt von Stadtdirektor Dr. Reuber und das Gutachten von Prof. Schmitt stehen symbolisch für eine Systematisierung der Wirtschaftsförderung in Wesel bei ganz klarer Fokussierung auf Industrieanwerbung.

Zur Biografie von Professor Alfons Schmitt

Verantwortlich für das Gutachten war Prof. Alfons Schmitt, der am 21. Juli 1903 in Lorch/Württemberg geboren wurde. Nach einem Studium der Staatswissenschaften an den Universitäten Tübingen und München wurde er im Juni 1927 promoviert.

Zunächst war Schmitt ein Jahr im Zentralbüro der deutschen Binnenschiffahrt tätig. Anschließend begann er seine akademische Laufbahn als Schüler von Adolf Weber, dessen wirtschaftspolitischen Entwürfe die Neuordnung der BRD nach 1945 prägten. Nach seiner Habilitation 1931 war er bis 1939 Lehrstuhlinhaber in Jena und wechselte dann nach Münster, wo er Mitdirektor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften wurde.

Nach einer militärischen Zwangspause von 1943 an wurde er ab Kriegsende 1945 wieder akademisch in Münster tätig. Dort begründete er das Institut für Verkehrswissenschaft, an dem das Gutachten für die Stadt Wesel entstand. Im April 1952 folgte Schmitt einem Ruf an die Universität Freiburg, wo er dem Institut für Regionalpolitik und Verkehrswissenschaft bis zu seinem Tod am 5. März 1960 vorstand.

Friseur Kurt Wohlfahrth

Auszüge aus der Firmen- und Familiengeschichte (PDF-Datei, 4 MB)

Improvisierter Friseursalon 1950er, Fotos: Iris Friemelt, geb. Wohlfarth
Friseursalon 1950er, Fotos: Iris Friemelt, geb. Wohlfarth
Friseursalon 1950er, Fotos: Iris Friemelt, geb. Wohlfarth
Friseursalon, Fotos: Iris Friemelt, geb. Wohlfarth

Autohaus Becher

Auszüge aus der Firmen- und Familiengeschichte (PDF-Datei, 3 MB)